Die Abhängigkeit europäischer Unternehmen von US-amerikanischen Cloud- und SaaS-Anbietern ist kein neues Thema, aber eines, das mit jeder geopolitischen Verschiebung an Brisanz gewinnt. Plattformen wie EuroBoxx versuchen, diese Lücke sichtbar zu machen, indem sie europäische Softwarelösungen katalogisieren – von Cloud-Hosting über Cybersecurity bis hin zu KI-Modellen. Die Frage, die sich dabei stellt, ist weniger ideologischer als struktureller Natur: Wie leistungsfähig sind diese Alternativen tatsächlich, und für wen lohnt sich der Wechsel?
Das Angebot ist breiter, als viele vermuten würden. Rund 380 Tools listet EuroBoxx derzeit, verteilt auf Kategorien wie DNS-Services, Projektmanagement, digitale Signaturen oder Web-Analytics. Die Herkunftsländer reichen von Deutschland und Frankreich über die Schweiz bis nach Bulgarien und Slowenien. Einige Namen sind in Fachkreisen längst etabliert – Bunny CDN etwa hat sich als performante Alternative zu Cloudflare positioniert, Wire als verschlüsselte Kommunikationsplattform, Aleph Alpha als deutscher Anlauf im Bereich großer Sprachmodelle.
Der regulatorische Vorteil europäischer Anbieter ist real, aber nicht automatisch entscheidend. DSGVO-Konformität ist für EU-basierte Dienste strukturell einfacher umzusetzen als für US-Konzerne, die zwischen europäischem Datenschutzrecht und amerikanischen Zugriffsgesetzen wie dem CLOUD Act navigieren müssen. Für Unternehmen in regulierten Branchen – Gesundheitswesen, Finanzsektor, öffentliche Verwaltung – kann das den Ausschlag geben. Für ein Startup, das primär Geschwindigkeit und Ökosystem-Integration braucht, wiegt dieses Argument weniger schwer.
Die ehrliche Diagnose: In vielen Nischen sind europäische Lösungen technisch ebenbürtig oder sogar überlegen, insbesondere dort, wo Datenschutz und Compliance keine nachträgliche Anforderung, sondern Kernarchitektur sind. In anderen Bereichen – etwa bei KI-Infrastruktur oder großen Cloud-Plattformen – existiert nach wie vor ein Skalendefizit, das sich nicht durch guten Willen kompensieren lässt. Die Netzwerkeffekte von AWS, Azure oder Google Cloud sind keine bloße Marktmacht, sondern Ausdruck massiver Infrastrukturinvestitionen über Jahrzehnte.
Verzeichnisse wie EuroBoxx erfüllen dabei eine nüchterne Funktion: Sie senken die Suchkosten für Entscheider, die europäische Optionen zumindest evaluieren wollen. Das ist kein Selbstzweck, sondern schlicht Markttransparenz. Ob ein Unternehmen dann tatsächlich wechselt, hängt von konkreten Anforderungen ab – nicht von der Flagge auf dem Server.
Die europäische Softwarelandschaft ist weder das unterfinanzierte Nischenprojekt, als das sie manchmal dargestellt wird, noch die souveräne Alternative, die politische Rhetorik gern beschwört. Sie ist ein wachsender Markt mit realen Stärken und ebenso realen Grenzen.
